Freitags im Büro. Zuhause…

„…oder: FamilienAlltag einer neurodivergenten Familie… „So ein Leben als Autor und dazu selbständig von zuhause arbeiten… KANN ja eigentlich NUR Vorteile bringen, stimmts?!“

Aufgeräumtes Zimmer zum Beitrag Freitags im Büro. Zuhause…

Nun ja, OB es also wirklich so von Vorteil ist, den Arbeitsplatz DIREKT im heimeligen Zuhause integriert zu haben – da will ich heute und hier gern mal etwas differenzierter draufschauen und in Echtzeit reflektieren. Verbunden mit dem Ziel, mir am Ende dieses Beitrages diese Frage nachhaltig und ehrlich selbst beantworten zu können.

Morgens. Es ist 9.30 Uhr und ich sitze gerade seit knapp anderthalb Stunden hochkonzentriert in meinem Büro; hantiere mit CSS, HTML und PHP und JSON-Dateien herum (was ich grundsätzlich HASSE), versuche dabei die exakte Code-Zeichenfolge für den Umbau des Webplayers zu finden, den ich halblaut vor mir hinmurmele, als mich eine laute Frage aus meinem Hyperfokus reißt: „Papa, kannst du mir kurz 11,-€ überweisen, für mein Online-Spiel?“, schallt es unangekündigt durch unsere – um diese Zeit eigentlich eher ruhige 4-Zimmer-Altbauwohnung in Flensburg. Mein 14-jähriger Sohn Mika kann aktuell die Schule nicht besuchen, weil autistisches Burnout und Bewertungsangst diesen Versuch unglücklich überlagern und dadurch zum (vorübergehenden) Scheitern verurteilen.

Ich schrecke auf, überlege dieses Mal glücklicherweise BEVOR ich (bejahend) antworte und entgegne: „Hast aber schon die Hälfte deines Taschengeldes auf den Kopf gehauen, hm?“, und das – bereits am 06. … Darauf folgt das typische Abwiegeln sowie das Betonen der „einmaligen Ausnahme“ (…), sodass ich es dann einfach zack rüberschicke. Den Betreff „Geldverschwendung“ kann ich mir nicht sparen, aber ein Zwinkersmiley entschärft. Bleiben ihm noch 14,-€ von 50,-€. Nun ja… als Kaufmann denke ich da natürlich auch, dass es knapp werden könnte, aber: soll ja auch draus lernen und ich – benötige gerade Ruhe.

Zuvor hatte ich bereits ein kleineres Pensum „Block 1 = „Hausarbeit Light“ – abgespult und dem königlichen Sohn auch schnell noch eine Laugenstange (mit Käse verfeinert) in den Airfryer geschoben und serviert und mich sodann noch kurz zu ihm gesetzt, um den Tag zu besprechen…

Eigentlich müsste ich ihm gerade auch TATSÄCHLICH dankbar dafür sein, dass er mich aus meinem Arbeitseifer herausreißt, denn: die Pellkartoffeln!!! Sie dürften mittlerweile ihre Metamorphose abgeschlossen haben und daher möglicherweise dem ursprünglich errechneten Zubereitungsaufwand, ein paar Minütchen hinzufügen: so überlege ich auf dem Weg in die Küche bereits, wie ich statt Kartoffelsalat mit Würstchen (und ohne Kartoffelpresse…), Herzoginkartoffeln zum Mittag zubereiten könnte… Kartoffelbrei wäre DIE Lösung und benötigt ja quasi nur noch ein Schlückchen Milch und etwas Butter. Der wiederum führt bei Luca – meiner 16-jährigen Tochter – leider zu Würgereizen, was ich allen Beteiligten natürlich ersparen möchte… Ohne Kreativität und Flexibilität wären wir Eltern in diesem Setting verloren. Apropos Kreativität: als „Herzoginkartoffel deklariert und zubereitet, wäre es dann zwar „alter Wein in neuen Fässern“, aber: eine funktionierende Alternative! Mist, eine Tülle habe ich auch nicht und mit Gefrierbeuteln als Ersatz würde es weniger ansehnlich werden… Haben ist manchmal eben doch besser als brauchen.

Am Herd angekommen stelle ich dann aber zu meiner Beruhigung fest, dass ich gerade noch so rechtzeitig reagiert habe, um mich selbst doch noch zum Kartoffel pellen degradieren zu können… Währenddessen fällt mein Blick durch die offene Küchentür direkt in Lucas Zimmer und macht mich beiläufig darauf aufmerksam, dass „Hausarbeit-Light“ – Block II“ – noch erledigt werden möchte… Gehört halt zur „häuslichen Pflege“, nicht nur die Wohnung sondern eben auch die „Kinder“zimmer allmorgendlich „herzurichten“, damit sich alle Beteiligten es nach ihrem Schulbesuch wieder aufgeräumt vorfindet und sie sich gedanklich darauf freuen und verlassen kann.

Luca hat (natürlich) ebenfalls (ja – „diagnostiziertes“…) AuDHS – was als Grund reichen sollte, warum wir Eltern diese Rolle noch immer übernehmen, ohne uns dabei in Diskussionen zu verlieren… Leider scheint die Sonne währenddessen aber SO aufdringlich ins Zimmer, dass ihre Strahlen die Anwesenheit der puschelig-niedlichen Wollmäuse freigeben. Lassen sich nicht verdrängen und erfordern meine Aufmerksamkeit. Also: Staubsauger und Staubtuch holen, um zunächst säubern und sodann die Hindernisse beseitigen zu können.

Dabei fällt mir auf, dass die Efeu-Girlanden noch immer nicht auseinanderklamüsert und außerdem ebenfalls staubbedeckt sind. Und so kommt dann halt oft auch eines zum anderen… Als ich dann endlich wieder am PC sitze – nachdem ich im Büro auch noch schnell gesaugt und ein Schreiben an die Autismusbeauftragte formuliert und abgeschickt habe, fällt mein Blick auf die Uhr: 10:50 zeigt sie an und gibt mir zu verstehen, dass es Zeit ist, Mika zur Morgenhygiene ins Bad „zu treiben“ (wo die Zahnbürste schon vorbereitet auf ihn wartet), um im Anschluss einen gemeinsamen Spaziergang zu machen. Überall Hürden, Hindernisse und Details, die um Berücksichtigung bitten; so isses halt.

Mittags. Anschließend werde ich dann den Kartoffelsalat zubereiten, damit er pünktlich – und somit bevor meine päpstliche Tochter nachhause kommt – fertig ist. Dass ich sie nebenbei noch kurz „fernsteuere“ und Bus-Auskunft spiele, weil es da mal wieder Änderungen gibt, ist mittlerweile ebenfalls zur alltäglichen Gewohnheit geworden.

Dazwischen bleibt dann eine (!) weitere Stunde Zeit, bis schließlich meine zauberhafte Frau zurück aus der Praxis ist; mit Redebedarf im Gepäck und in guter alter „Horsti“-Manier. Erwartungshaltung und Laissez-faire geben da meist eine verheißungsvolle Kombination ab – doch das ist natürlich für mich okay, entschuldigt und für mich einfach liebenswert!

So um 16.00 Uhr habe ich dann nochmals Zeit fürs konzentrierte Arbeiten, bevor dann meist um 18.00 Uhr „Chips & Doku“ das wohlverdiente Wochenende einläuten. Und HIER sind tatsächlich mal alle sonst so zeitblinden Mitbewohner pünktlich zugegen.

Generell beschränkt sich der Aufwand vor allem auf montags und freitags, wo meine Frau halt beinahe ganztägig auf der Arbeit ist. Außerdem hüpft meine Frau auch gelegentlich wie ein Flummi und mit dem tiefen Bedürfnis verbunden durch die Wohnung, mir „nur mal ganz kurz“ dieses und jenes zeigen zu wollen müssen…

Ich freue mich auf den morgigen Samstag. Ninjagleich werde ich lautlos über den Dielenboden huschen – wohlbedacht, dabei möglichst nicht die besonders quietschigen Drecks-Holzdielen zu erwischen. Damit die liebe Familie möglichst ausgeschlafen – gern ab ~10.00 Uhr in den Samstag starten kann… Und ab 11.00 Uhr beginnt dann die FamilienZeit. Was wirklich wichtig ist und bleibt: dass wir miteinander in Verbindung bleiben.

Randnotiz„Ja, aufmerksame Menschen haben längst bemerkt, dass bei uns keine klassische Rollenverteilung vorherrscht. Ich bin – generell – zuständig für Einkauf, kochen, Lehrkraftkontakte – meine wunderbare Frau fürs Wäschewaschen (aus Gründen…). Den Rest teilen wir uns zu 50% (Kinder, Haushalt etc.). Und ich LIEBE ALLES daran und will gar kein anderes Leben mehr führen!“

Festzuhalten bleibt: wie so vieles im Leben hat auch hier alles seine Vor- und Nachteile. Insgesamt sitze ich jedoch sehr viel lieber im eigenen Büro, anstatt in „irgendeiner Drecks-Werbeagentur“. Und wenn ich das Gute „Zeit mit der Familie“ mit dem Nützlichen „perspektivische berufliche Weichenstellung“ verbinden kann, DANN bleibe ich demütig und dankbar für diese Freiheit!

Grüßelichst,
Jark

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